Sommerschulen 2014

„Wenn Bilder Texte bewegen: Interdisziplinäre Perspektiven auf Visualität“ – Ein Bericht von der DRV-Sommerschule an der HU Berlin (29.7. – 1.8.2014)

In der titelgebenden Bildbewegung der Sommerschule hatten wir bewusst eine Offenheit bewahrt, die ihren Ausgangsgrund in der sprachlichen Leerstelle, in der unvollendeten Bedingung findet. In diesem Sinne haben wir die vier Tage der Sommerschule intensiv genutzt, um offen über Bilder zu diskutieren, zahlreiche theoretische Konzepte und Ansätze zu beleuchten und am Brückenschlag zwischen Bild- und Literaturwissenschaften mitzuwirken. Es ging folglich um Bilder, die Texte bewegen, Sichtbarmachung in Sichtbarkeit versetzen, um Bilder die Teil von Wahrnehmungsprozessen sind und sich ihnen doch immer wieder entziehen. Auch über Bilder, die still stehen und still stellen und schließlich Bilder, die bewegt werden, haben wir uns rege ausgetauscht.

Die Keynotes der eingeladenen Professor*innen zum ikonischen Als und der Rahmenfunktion von Bildern (Dieter Mersch), der Gewordenheit von Bildern und Visualität als Ereignis visueller Materie (Vittoria Borsò) sowie zu anamorphotischen Repräsentationsverfahren (Christian Wehr) und zur Metasprache der Filmanalyse und Rhetorik des Bildes (Jörg Türschmann) konturierten eine große thematische Bandbreite. Hieran gliederten sich die fünf Panels mit den Schwerpunkten „Schriftbildlichkeit“, „Transmedialität“, „Literatur und bildende Kunst“, „visuelle Inszenierungen“ und „Foto-Text-Beziehungen“ an. In den Panels wurden Performativität und Repräsentationen von Wahrnehmungsprozessen und Wahrnehmungsobjekten untersucht; dabei war immer wieder der Bewegungsaspekt von Bedeutung – sei es als transmedialer Übergang, sei es als Aktionspotential, das verschiedenen Bildphänomenen inhärent ist oder diese umgibt.

Unter diesen Vorzeichen stießen wir wiederholt auf Fragen nach den Körperlichkeiten des Materials, der Performanz und des blickenden und erblickenden Subjekts. Gerade die Prozesse und Modi der Imagination und Einbildungskraft bei der Herstellung – nicht nur – von Bildern standen im Zentrum unserer Diskussionen. Die Fragen danach, wie die Medien die Einbildungskraft anstoßen und wie verschiedene Medien wirken, führten uns häufig zum Zusammenhang zwischen Einbildungskraft und Körperlichkeit und damit auch zu Fragen der Subjektivität der Wahrnehmung. Bilder, so ein wichtiges Ergebnis der Veranstaltung, sind als Medium immer Teil eines Denk-, Produktions-, und Rezeptionsprozesses, der nur spiralförmig verlaufen kann.

Insgesamt gelang es, während der Sommerschule das Verhältnis von Texten und Bildern kritisch zu beleuchten. Jenseits gewisser Privilegierungstendenzen und der Erkundung des status quo von Bild und Text ging es darum, Hierarchien entgegenzuwirken und so den Dialog und interdisziplinären Austausch zu stärken.

Darüber hinaus hat sich das Konzept der Kleingruppenarbeit als produktiv erwiesen: Die Diskussion aktueller Texte zu bild- und wahrnehmungstheoretischen Fragestellungen fand am Vormittag des zweiten Sommerschultages in drei Kleingruppen statt und schloss mit einer Visualisierung und Präsentation im Plenum ab. In der zweiten Kleingruppenarbeit und Abschlussdiskussion am Nachmittag des letzten Tages widmeten wir uns der Zusammenfassung der Keynotes, Vorträge und Diskussionslinien. Der interdisziplinäre Dialog um Visualität in der Romania konnte so ebenfalls durch methodische Vielfalt umgesetzt werden.

Die gemeinsamen Abendessen am Dienstag – hier performte der argentinische Autor und Wortkünstler Cristian Forte einige seiner Lautgedichte – und am Donnerstag rundeten das Rahmenprogramm ab. Auch der Silence Jam am Mittwoch und der abschließende Aperitif am Freitag boten zahlreiche Möglichkeiten zum weiterführenden Austausch und zur Vernetzung.

Berit Callsen, Sandra Hettmann, Yolanda Melgar Pernías

Bericht von der Potsdamer Sommerschule „Romanistik in Bewegung“

Vom 26. bis 30. August 2014 fand an der Universität Potsdam die literaturwissenschaftliche der drei 2013 erstmalig ausgeschriebenen DRV Sommerschulen für den wissenschaftlichen Nachwuchs statt. Unter dem Motto „Romanistik in Bewegung“ versammelten sich die insgesamt sechs Initiator*innen (aus Potsdam, Köln, Halle) und 21 Nachwuchsromanist*innen abwechselnd am Neuen Palais sowie in der Wissenschaftsetage im Bildungsforum Potsdam, um gemeinsam mit sieben geladenen Expert*innen aus dem In- und Ausland über die Herkünfte des Fachs, seine derzeitige Verfasstheit und mögliche Zukünfte zu diskutieren.

Die Sommerschule umfasste drei thematische Schwerpunkte, denen man sich in getrennter Sektionsarbeit („Herkünfte/Theorie“ und „Zukünfte“ widmete. Neben der gemeinsamen Textarbeit an ausgewählten Publikationen zur Geschichte des Fachs, zu möglichen theoretischen Instrumentarien und zu Zukunftsszenarien standen hier die Forschungsprojekte der Teilnehmer*innen im Hinblick auf die Themenstellung der Sommerschule im Vordergrund. Die Sektion „Herkünfte/Theorie“ unter der Leitung von Julian Drews, Anne Kern und Tobias Kraft befasste sich mit Fragen zur Methodik philologischen Arbeitens im Allgemeinen und der Romanistik im Besonderen. Im Dialog mit der Geschichte des Fachs diskutierte man die Anbindung literaturwissenschaftlicher Tätigkeit an gesellschaftspolitische wie kulturwissenschaftliche Fragestellungen. Insbesondere wurde das Augenmerk darauf gelenkt, dass machtpolitische und materialistische Zusammenhänge die Gegenstände der/des romanistischen Literaturwissenschaftlerin/Literaturwissenschaftlers sowie ihre/seine Methode und letztlich ihr/sein Selbstverständnis modellierten. Ungeachtet der methodischen Ausrichtung des eigenen Arbeitens sei es daher unumgänglich, sich diese Gegebenheiten zu vergegenwärtigen, um sich die Fähigkeit zur Selbstkritik zu bewahren. Den Schwerpunkt der Sektion „Zukünfte“, die gemeinsam von Johanna Abel, Benjamin Loy und Marie-Therese Mäder geleitet wurde, bildeten die übergeordneten Stichworte „(Ent)Grenzung“, „Vernetzung“ sowie „Selbstreflexion“. Daraus ergaben sich fruchtbare Gespräche, in denen die Verhaftung der Romanistik in nationalen (Text)Traditionen und die damit einhergehende Geschlossenheit des Fachs gegenüber internationalen Debatten thematisiert wurde. Zudem wurde die disziplinäre Heterogenität der Romanistik als großer Mehrwert im Verhältnis zur Komparatistik verstanden. In diesem Sinne wagten die Teilnehmer*innen einen Ausblick auf die mögliche Zusammenführung von romanistischer Philologie und Weltliteratur. Darüber hinaus wurden ganz praktische Fragen diskutiert, die von der Wahl der Publikationssprache, über die Sichtbarkeit bzw. Außendarstellung der Disziplin bis hin zu neuen Formen des Schreibens reichten.

Gerahmt wurde die Sektionsarbeit von Beiträgen etablierter Fachvertreter*innen, die in offenen Diskussionsrunden präsentiert wurden. In seiner Keynote erklärte Ottmar Ette (Potsdam) die Zeit der Weltliteratur, die sich einer großen Fülle kanonisierter Nationalliteraturen widmet, für beendet. In diesem Sinne ziele zukunftsfähiges romanistisches Arbeiten auf die Zwischenräume, auf das Ins-Verhältnis-Setzen ohne Festzusetzen, indem die Bewegung nicht nur zum Paradigma der Literaturen der Welt, sondern auch der philologischen Arbeit an und mit ihnen würde. Gesine Müller (Köln) wies darauf hin, dass die Romanistik sehr mit sich selbst beschäftigt sei und die eigenen Potenziale im Sinne eines transareal und transkulturell orientierten Arbeitens nicht ausreichend nutze. Dies sei nicht zuletzt den hohen Anforderungen an die/den romanistisch arbeitenden Wissenschaftler*in geschuldet, in mindestens zwei romanischen Sprachen beheimatet zu sein. Markus Messling (Potsdam) unterstrich die politische Verantwortung des modernen philologischen Arbeitens. Die Sprachsensibilität der Philologin/des Philologen befähige sie/ihn dazu, die Historizität von Texten offenzulegen und sich zugleich selbstkritisch auf die historischen und kulturellen Bedingtheiten des eigenen Arbeitens hin zu befragen. Auch Judith Kasper (München) verstand die Philologie, die „Liebe zum Wort“, als ein intervenierendes Verfahren, das geeignet sei, feste Bedeutungen offenzulegen und mithilfe der Arbeit an den Worten selbst aufzubrechen. Jörg Dünne (Erfurt) theoretisierte mit hohem Abstraktionsgrad topologische Modelle für die Beschreibung individueller und kultureller Interaktionen als Raumrelationalitäten. Er akzentuierte dabei die Funktionsweise der Literatur, solche Relationalitäten allererst hervorzubringen. Mads Rosendahl (Aarhus) beschäftigte sich mit dem Phänomen der Weltliteratur als internationalem Kanon und verwies auf die Rolle von Literatur als Vehikel des Kulturkontakts. Abschließend lenkte Frank Estelmann (Frankfurt/Main) den Blick auf die jüngere Geschichte des Fachs und hob heraus, dass im Fall der Romanistik der Bedarf an Lehrkräften im Schulbetrieb stets eng verknüpft gewesen sei mit hochschulpolitischen Entscheidungen zum Fortbestand oder der Auflösung von universitären Instituten. Es sei das Wissen um derlei Aspekte der Fachgeschichte, das zur Selbstverortung und Profilbildung einer zukünftigen Romanistik beitragen könne.

Anne Kern und Marie-Therese Mäder, OK Potsdamer Sommerschule

Ein Bericht von der ersten Dr. Franz J. Vogel Sommerschule in Frankfurt am Main

„Dasz recht und poesie miteinander aus einem bette aufgestanden waren…“. Jakob Grimms romanistische Verwandte und die Erben Dikes Hand in Hand

In Deutschland haben sich die Rechtsgeschichte und die romanistische Literatur­wissenschaft traditionell wenig zu sagen. Bis heute richtet sich der Blick der Rechtshistoriker eher auf die Literatur- und Sprachzeugnisse des deutschen Mit­telalters und damit auf das Betätigungsfeld der sprach- und literaturwissen­schaftlichen Germanisten. Der Blick der Romanisten dagegen schweift gar nicht erst in Richtung Interdisziplinarität. In Frankfurt am Main unternimmt die Dr. Franz J. Vogel Sommerschule des Deutschen Romanistenverbands (DRV) 2014 erste Schritte, daran etwas zu ändern.

Staub tanzt in dem Licht, das durch die hohen Fenster hinein in den imposanten Raum flutet, um sich auf mit dunklem Holz getäfelten Wänden in bi­zarren Reflexen zu verlieren oder die metallisch-helle Decke in einen matten Spiegel jener Ereig­nisse zu verwandeln, die sie überwölbt. Es braucht nicht viel Fantasie, sich diesen Ort als eine Bühne großer Händel vorzustellen: das Büro Dwight D. Ei­senhowers im ersten Stock des neoklassizistischen Mammutbaus, den der Archi­tekt Hans Poelzig ursprünglich für die Zentralverwaltung der I.G. Farbenindustrie AG in Frankfurt am Main entworfen hatte. Das seinerzeit größte Chemieunter­nehmen der Welt hatte sich durch den Teufelspakt mit dem nationalsozialisti­schen Staat letztlich selbst zugrundegerichtet. Seine standes-, doch kaum schuldbewussten Direktoren waren 1945 durch die US-Armee als Hausherren ab­gelöst worden. Im selben Jahr waren hier mit der Proklamation Nr. 2 die Länder Groß-Hessen, Württemberg-Baden und Bayern gebildet worden; genauer: im IG 1.314, wie heute jener Konferenzsaal heißt, der dem Oberbefehlshaber der Alli­ierten Streitkräfte in Europa und späteren US-Präsidenten Eisenhower als Amts­zimmer gedient hatte, im Herz des wuchtigen, mit Travertin verkleideten Gebäu­des. Von ihm aus wurden während des sogenannten Kalten Krieges die US-Truppen in Europa und wohl auch manche CIA-Agenten vor und hinter dem Ei­sernen Vorhang gelenkt. Beinahe hört man noch das Tickern der Telegrafen, das Klappern der Schreibmaschinen, die eiligen Schritte beflissener Ordonanzen.

Auch heute geht es geschäftig zu im „I.G.-Farben-Haus“ – alias „Poelzig-Bau“, alias „Poelzig-Ensemble“, alias „IG-Hochhaus“; mit der Namensgebung tat und tut man sich schwer. Die Johann Wolfgang Goethe-Universität ist teilweise in das Gebäude im Frankfurter Westend gezogen. Nach und nach entsteht hier der modernste, vielleicht auch der schönste Campus Europas. Die Fachbe­reiche Evangelische Theologie, Katholische Theo­logie, Philosophie und Geschichte, Kulturwissen­schaften und Neuere Philologien sowie das Fritz-Bauer-Institut haben im I.G.-Farben-Haus seit 2001 eine neue Heimat gefunden. Der IG 1.314 – der „Eisenhower-Saal“, wie er intern genannt wird, ist beliebt. Häufig dient er als Tagungs- und Sitzungssaal. Natürlich findet in ihm nicht der alltägliche Unterricht statt. Das Präsidium der Goethe-Universität behält sich seine Vergabe im Einzelfallverfahren vor. Wichtige Konferenzen und Meetings werden in ihm abgehalten. Nicht selten werden hier, im, wie es heißt, „angemessenen Rahmen“, die Evaluationen der bedeutenden Exzellenz- und Leuchtturmprojekte der Goethe-Universität und ihrer Partner durchgeführt. Eines dieser Projekte ist der LOEWE-Schwerpunkt „Außergerichtliche und gerichtliche Konfliktlösung“. Seit 2012 hat er sich der interdisziplinären, interkulturellen und diachronen Untersuchung von Konfliktlösungen innerhalb und außerhalb des Ge­richts verschrieben. Rechtshistoriker, Historiker, Rechtsvergleicher, Vertreter des geltenden Rechts und Sinologen der Goethe-Universität, des Max-Planck-Insti­tuts für europäische Rechtsgeschichte und der Frankfurt University of Applied Sciences suchen in diesem durch das hessische Landesexzellenzprogramm LOEWE geförderten Verbund gemeinsam nach Antworten auf die drängenden Fragen der Justiznutzung und ihrer Alternativen.

Als die ehemals Frankfurter, nun Freiburger Historikerin Dr. Jessika Nowak und der Geschäftsführer eben jenes LOEWE-Schwerpunkts Andreas Karg, M.A., gegen Ende des Jahres 2013 zu Ohren bekamen, dass der Deutsche Romanistenver­band (DRV) eine interdisziplinäre Sommerschule, finanziert durch die private Zuwendung des langjährigen Rechtsanwalts, Notars und Wissenschaftsmäzens Dr. Franz J. Vogel, ausgeschrieben hatte, war ihnen sofort klar, dass sie eine großartige, vielleicht einmalige Chance vor sich hatten, eben diese Sommer­schule nach Frankfurt zu holen und für einen spannenden, doch bislang kaum geführten Dialog zu nutzen: „Neben Urkunden und Akten, neben fiskalischen oder gesellschaftlich-wirtschaftlichen Dokumenten sind erzählende und literari­sche Quellen die wichtigsten Textzeugnisse, die wir aus dem Spätmittelalter und der Frühen Neuzeit haben. Interessant ist dabei, dass alle, die historisch arbeiten, sich diesen Text­zeugnissen von ihrer exklusiven interpretativen Warte aus nähern: der Historiker von der histori­schen, der Rechtshistoriker von der rechtshistori­schen, der Literaturwissenschaftler von der litera­turwissenschaftlichen aus. Normalerweise interessieren wir uns gar nicht für die Lesart der anderen. Nehmen sie gar nicht wahr. Was aber, wenn wir uns wechselseitig mit unseren Interpreta­tionen konfrontieren? Wenn dem Jean Bodin, der Rechtshistoriker, ein Jean Bodin, der Literaturwis­senschaftler, an die Seite gestellt wird? Der Ge­danke hat uns gereizt“, erklärt Jessika Nowak. Dem Verfasser dieser Zeilen sind als ehemaligem Re­dakteur der Neuauflage des Handwörterbuchs zur deutschen Rechtsgeschichte mannigfaltige Beispiele der Zusammenarbeit insbesondere zwischen der Rechtsgeschichte und der Literatur- und Sprachwis­senschaft bekannt. Doch auf beiden Seiten stehen da häufig Germanisten: juristische Germanisten und germanistische Sprach- und Literaturwissenschaft­ler. Das ist nicht überraschend: Die traditionelle deutsche Rechtsgeschichte interessiert sich für die historischen, auch literarischen Zeugnisse soge­nannten deutschen Rechts und deutschen Rechtsle­bens; die philologisch-literaturwis­senschaftliche Germanistik stößt mitunter auf die selben Texte: den Meier Helmbrecht, das Nibelungenlied, den Reineke Fuchs usw. Romanisten hingegen haben in beiden Wissenschaften ganz unterschiedliche Texte vor Augen: hier die literarischen Hervorbringungen der Romania, dort das römische Recht der Antike.

Mit der Identifikation eines bislang nicht geführten Dialogs war es freilich noch nicht getan: Es bedurfte eines überzeugenden, thematisch wie didaktisch tragfähigen Konzepts. Das Thema ergab sich dabei durch den LOEWE-Schwerpunkt wie von allein: der Kon­flikt. Konflikte oder gar Konfliktgespinste tragen literarische Handlungen ebenso, wie sie die Voraussetzung dafür sind, dass sich Recht als Grundlage von Ent­scheidungen oder als diese Entscheidungen selbst realisieren kann. Damit es zu einer Streitentscheidung oder einer Streitbeilegung kommt, braucht es einen Ge­gensatz der Interessen, bisweilen auch der Überzeugungen, der von den Betei­ligten als gravierend empfunden wird. Zumindest sofern man eine Handlung will, ist das bei literarischen Erzählungen oft nicht anders. Ciceros Verschwörung Catillinas, das altfranzösische Rolandslied, selbst Dantes Göttliche Komödie, sie alle beinhalten reale oder fiktive Konflikte zwischen Menschen, auch zwischen Prinzipien, die uns fesseln

Unter Einbezug der wissenschaftlichen der Leitung des LOEWE-Schwerpunkts und des didaktischen Arrangements aus Präsentationen der Studierenden und Dok­toranden sowie den Vorträgen und Lektüren der als Mit-Antragssteller gewonne­nen Dozenten dagegen lag in der Hand von Jessika Nowak erhielt die Sommer­schule den offiziellen Titel: „Der Konflikt in Literatur und Recht der frühmodernen Romania – Zugriffe der romanistischen Literaturwissenschaft und der europäi­schen Rechtsgeschichte“.

Neun Sektionen in vier Sprachen; neun Dozierende der Rechtsgeschichte, Geschichtswissenschaft und der Romanistik aus fünf Ländern, darunter, um einige Namen zu nennen, Prof. Wim Decock, Ph.D., der in diesem Jahr aus den Händen von Bundesbildungsministerin Prof. Dr. Johanna Wanka den Heinz Maier-Leibnitz-Preis der DFG, die vielleicht dritthöchste Forschungsauszeichnung in Deutschland, erhalten hatte, weiterhin: MPI-Nachwuchsgruppenleiterin Dr. Benedetta Albani, AvH-Stipendiat Dr. Tyler Lange (Berkeley) und Dr. Henning Hufnagel, Junior Fellow des Freiburg Institute for Advanced Studies. Drei Abendvorträge, als Vortragende: Dr. Hans-Joachim Lotz, über Jahrzehnte ein Urgestein am Frankfurter Institut für Romanische Sprachen und Literaturen; Prof. Dr. Friedrich Wolfzettel, 1982 bis 2007 Präsident der Deutschen Sektion der Internationalen Artusgesellschaft, Gründungsmitglied des Mediävistenverbands in Tübingen, Mitherausgeber des Historischen Wörterbuchs ästhetischer Grundbegriffe; schließlich Prof Dr. Dr. h.c. mult. Michael Stolleis, langjähriger MPI-Direktor, Ehrendoktor in Lund, Toulouse, Padua und Helsinki, Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Preisträger, Balzan-Preisträger, ausgezeichnet mit dem Bundesverdienstkreuz erster Klasse, in diesem Jahr erst aufgenommen in den Orden Pour le Mérite für Wissenschaften und Künste – der Exzellenzcharakter der Veranstaltung lässt sich nicht in Abrede stellen. „Wir wollten“, so Jessika Nowak, „den Stipendiaten der Sommerschule das bestmögliche Programm bieten. Dozierende und Abendvorträger, die zur jeweiligen akademischen Spitze ihrer Generation und ihres jeweiligen Fachs zählen, sind da selbstverständlich anzustreben; vielleicht sogar insbesondere, wenn man unter Freiburger Beteiligung eine Veranstaltung in Frankfurt am Main organisiert. Beide Standorte gelten immerhin nicht zuletzt als Zentren exzellenter Kultur- und Gesellschaftswissenschaften. Zu unserer Freude – und zu unserem Glück, waren die meisten Koryphäen, auf die wir gehofft hatten, dann auch wirklich gewinnbar“.

Und so begann am Montag, dem 25.08.2014, im eingangs beschriebenen Dienst­zimmer des amerikanischen Generals, nach den Honneurs durch den stellvertre­tenden Sprecher des LOEWE-Schwerpunkts, Prof. Dr. Albrecht Cordes, dem Lei­ter der Stabsstelle Forschung und wissenschaftlicher Nachwuchs (Präsidialabtei­lung) Dr. Justus Lentsch und durch die Organisatoren Dr. Jessika Nowak und An­dreas Karg, M.A., welche den Beitrag des anwesenden Förderers zu würdigen wussten, ein bunter Reigen aus neun Sektionen, drei Abendvorträ­gen und – last, not least – den Vorträgen von fünf der dreizehn Stipendiatinnen und Stipendia­ten, die die Chance ergriffen, ihre eigenen Arbeiten in einem neuen personalen Kontext begutachten zu lassen: Die Darstellung machtgieriger Händel im Todes­jahr von Karl dem Kahlen in den Annales Bertiniani kamen ans Licht (Max Wohltmann, Das Jahr 877 – eine „Verschwörung der Großen“ im Westfrän­kischen Reich?), elsässische Archivalien des Hoch- und Spätmittelalters wurden neu zum Sprechen gebracht (Maria Kammerlander, Das in Vergessenheit gera­tene „Haus­kloster“ eines Proto-Habsburgers: Konflikte in und um die elsässische Abtei Ott­marsheim), die Rezeptionsgeschichte des Nibelungenlieds lud zum Ver­gleich mit anderen „Nationalepen“, mit Rolandslied und Artussage, ein (Annika Sindlinger, Burgund und das Nibelungenlied). Die longue durée der Specula von der Vita Karoli Magni Einhards zum Fürstenbuch Niccolò Machiavellis offenbarte bislang ungeahnte Kontinuitäten, doch ebenso ein Bedürfnis nach neuer epocha­ler Glie­derung (Ulrich Denzer, Zur Bedeutung von Ratgeberliteratur im Mittelal­ter). Wie Dante im Inferno, im An­gesicht der schlimmsten Verbrechen, den Kompromiss zwischen in­dividuell angemes­sener und formal gleicher Behandlung des Missetäters findet, wurde in bemerkens­werter Stringenz und gedankli­cher Klarheit vorgeführt (Alessia Loiacono, Laesa maiestas ed etica dantesca).

Die eingeladenen Dozierenden der Som­merschule präsentierten Ausschnitte aus ihren Forschungen und formten Diskus­sionsgegenständen für das Plenum: Der Facettenreichtum im komplexen Denken des Jean Bodin offenbarte sich in der Konfrontation seiner sechs Bücher über den Staat mit dem ihm zugeschriebenen, sehr spät posthum edierten sogenannten „Siebengespräch“ und zeigte dabei wieder einmal, dass sich in der philosophischen Begegnung der Konflikt gänzlich anders darstellt als in der Sprache des Rechts, die hier ihre Stärke in der Komplexitätsreduktion findet (Henning Hufnagel, Gattung und Konflikt: Jean Bodin, Six Livres de la République – Collo­quium Heptaplomeres). Dass vorreformatorische Kirchenrechts­geschichte unter dem Gesichtspunkt der Konflikte verarbeiten­den Rolle des Rechts unmittelbar in die Vergangenheit heutiger kapitalistischer Wirtschaftsordnungen und damit fortwährender auch wirtschaftsethischer Konstruktionen führt (Tyler Lange, Caritas und Konflikt vor geistlichen Gerichten vor der Reforma­tion), ist ein Einblick in brandaktuelle rechtshistorische For­schung, die unsere noch durch Max Weber determinierten Vor­stellungen von Grund auf umwälzt. Die Schnittstellen zwischen Rechtsgeschichte und romanistischer Literaturgeschichte im La­zarillo de Tormes, Guzmán de Alfarache und Buscón aufzusu­chen, war das anspruchsvolle, gleichwohl mehr als lohnende Unterfangen Frank Estelmanns (Spanien und der pikareske Roman). Verblüfft entdeckte das Plenum im Decamerone Giovanni Boccaccios, dass die Vorstellung, es sei zwar die Aufgabe des Straf­rechts, Rechtsgüter, nicht aber Moral(vorstellungen) und Sittlichkeit zu schützen, so neu nicht ist (Thomas AmosZu Recht erzählt. Delikt und Justiz im Decame­ron). In vielleicht dieselbe Kerbe schlug im 16. Jahrhundert auch ein heute viel­leicht zu wenig beachteter Repräsentant des juristischen Humanismus, als er es zur Pointe einer Satire machte, dass sich über Cupido trotz der fortwährenden Konflikte, die er schüre, nicht zu Gericht sitzen lasse (Wim Decock, Recht und Literatur im „Cupido Jurisperitus“ des Humanisten Étienne Forcadel). Wie sich an und um die Tätigkeit von durch die Kurie entsandten Kollektoren im 14. und 15. Jahrhundert Konflikte entzündeten und ihren Weg in die Archivalien fanden (Amandine Le Roux, Conflits et résolutions des conflits relatifs à la levée des taxes pontificales [Royaume de France, Provence, XIVe-XVe siècles]), wurde nicht weniger eindrücklich präsentiert als die Integration der Neuen Welt in den Ap­parat einer in Zeiten der Reformation und Gegenreformation dem Anspruch nach erst recht universalen Kirche durch das Instrument der Konfliktlösung (Benedetta Albani, Governo della Chiesa e gestione die conflitti in prospettiva globale: La Curia Romana come istanza di giustizia per il Nuovo Mondo [secoli XV-XVII]). Und wie man die Konflikte an der Kurie und dem Mailänder Herzogshof des 15. Jahrhunderts in den Gesandtenberichten und im sonstigen Briefwechsel der Mächtigen und ihrer Adlaten trotz teilweise raffinierter Chiffrierung greifbar ma­chen kann (oder eben nicht mehr), war eine Lehrstunde aus der Rubrik „Der Historiker als Detektiv“ (Jessika Nowak, Konflikte an der Kurie und am Mailänder Herzogshof im Spiegel der italienischen Korrespondenz). Außer Konkurrenz schließlich lief eine Einführung in die nicht genuin wissenschaftlichen, sondern sich aus der Notwendigkeit zeitgemäßer public relations (PR) und Öffentlichkeits­arbeit (ÖA) ergebenden wissenschaftsnahen Aufgabenfelder künftiger Forscher und akademischer Lehrer (Andreas Karg, Wissenschaftskommunikation im euro­päischen Forschungsraum).

Die Abendvorträge gediehen zu fesselnden Erzählstunden, wie sie nur an Erfah­rungen überreiche Wissenschaftlerkarrieren hervorbringen können: Michael Stoll­eis begann in „Rechtsgeschichte und Literatur“ mit einer kühlen Absage gegen­über dem Iconic Turn („Alles ist Sprache“) und führte anhand von Ursula Krechels „Landgericht“ die Doppelbödigkeit von Wahrheit in Poesie und Ge­schichte vor. Hans-Joachim Lotz machte anhand der historischen und gegenwär­tigen „Frankfurter romanistischen Studienordnungen“ nicht nur den Wandel der Studienbedingungen in den zurückliegenden Jahrzehnten, sondern auch das Ende der Ordinarienuniversität sicht- und begreifbar. Friedrich Wolfzettel ließ die Zu­hörer seines Vortrags „‚Coutume‘ und Konfliktregulierung im Artusroman von Chrétien de Troyes“ Zeuge werden, wie die legendäre, utopisch-egalitäre Tafel­runde, die sich enthusiastisch von alten feudalen Strukturen abwendet, erst auf- und dann, unter dem Druck der schließlich nicht mehr zu bewältigenden äußeren Herausforderungen, untergeht.

Fazit: Man muss dem Stifter dankbar sein, dass er durch die Auslobung der För­derung darauf hingewirkt hat, eine terra incognita der Interdisziplinarität zu be­treten. Ich glaube, wir waren durchaus erfolgreich: Wir haben erste Schritte ge­wagt, sind an erste Grenzen gestoßen, haben erste Durchbrüche erzielt. Vor allem haben Vertreter und Ver­treterinnen verwandter, doch einander fremder Fächer be­gonnen, sich wechselseitig zu verstehen. Das ist viel, ins­besondere in dem vergleichsweise kleinen Format, das wir hier gewählt hatten. Dass der LOEWE-Schwerpunkt mit seinen Hilfskräften und seinen Verwaltungsangestellten die Organisation unterstützt hat, war von unschätzbarem Wert. Danken müssen wir natürlich auch dem DRV, des­sen Vorstand das Format der DRV Sommerschulen konzi­piert und ins Leben gerufen hat und den unser Konzept überzeugt hat; dazu den Dozierenden und den Stipendia­tinnen und Stipendiaten für Einsatz und Begeisterung. Wir sind glücklich darüber, mit der erstmaligen Durchführung der Dr. Franz J. Vogel Sommerschule etwas Interessantes begonnen zu haben und wir sind neugierig zu sehen, wer das Staffelholz aufnimmt und in welche Richtung er weiter läuft.

Andreas Karg