Sommerschulen 2015

Wenn sich alles ums Essen dreht – ein Bericht von der DRV Sommerschule in Potsdam und Berlin

Unter der Überschrift „Text und Mahlzeit“ fand sich Ende September 2015 eine bunt gemischte Gruppe ambitionierter Nachwuchswissenschaftler*innen in den Räumlichkeiten der Universität Potsdam und der Humboldt-Universität zu Berlin zusammen, um sich während einer dreitägigen Sommerschule über die jeweils aktuellen Projekte zu diesem vielseitigen Thema auszutauschen. Ergänzt durch Beiträge etablierter Wissenschaftler*innen, wurden die einzelnen Forschungsprojekte vorgestellt und rege diskutiert. Grundlage für die Konzipierung dieser Sommerschule war unter anderem die literarische und künstlerische Spiegelung der Mahlzeit als „identitätsstiftender, kommunikativer sozialer Akt“. So wurde der wissenschaftliche Teil, dieser Prämisse entsprechend, von einem Begrüßungsessen in einer kleinen Brauerei im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg, einem Besuch der Garten- und Parkanlagen sowie der Schlossküche von Friedrichs idyllischem Sommerdomizil Sanssouci und einem gemütlichen Essen am letzten Abend im Holländischen Viertel Potsdams umrahmt.

Besonders die unterschiedlich gestalteten Beiträge der eingeladenen Fachvertreter*innen lieferten eine breite Basis für die gemeinschaftliche Arbeit. Zum einen erschloss die Gruppe gemeinsam die Rolle des Käses und des Weines in Texten von Boileau und Saint-Amant (Andrea Grewe) sowie die Bedeutung der italienischen Küche im Theater Eduardos am Beispiel des ragù (Roberto Ubbidiente). Darüber hinaus wurde die literarische und künstlerische Verarbeitung der Genussmittel Kaffee, Tee und heiße Schokolade in Europa vorgestellt (Carla Forno), die Gruppe wurde in das französische Phänomen des gourmandisme anhand der Literatur des 19. Jahrhunderts eingeführt (Karin Becker) und über die Symbolik des asado in der argentinischen Literatur aufgeklärt (Alejandro Patat). Aufgrund dieser Beiträge wurde zunächst deutlich, dass die Fiktionalisierung von Nahrung und Mahlzeit eng mit der Darstellung kultureller Riten und Traditionen einhergeht, die in der gesamten Romania über eine große Bandbreite verfügen.

Dass die alimentäre Metaphorik neben der bedeutungs- auch eine textkonstitutive Dimension besitzt, ließ sich – über die bereits erwähnten Beiträge hinaus – auch in der Vorstellung der Forschungsprojekte feststellen. Hier wurde ein breites Spektrum an Beispielen aus verschiedenen Epochen und Kulturkreisen zusammengetragen. Bei Rabelais geht der riesenhafte Appetit einher mit der grotesken Verzerrung des Verschlingens von Wissen und Welt. Außerdem findet sich dort häufig die Darstellung des Mahls als kollektiver Akt, was geradezu gegensätzlich zu Leopardis Überlegungen zur monofagia anmutet. Jedoch auch die Vorstellung der Anthropophagie, gleichsam des gegenseitigen Verschlingens als Lust am Einverleiben, wurde am Beispiel eines Textes von Calvino dargestellt.

Neben dem sozialen beschäftigte uns auch der pathologische Aspekt des Alimentären. Im Sinne der Konzeption Derridas vom Text als pharmakon betrachteten wir den Zusammenhang zwischen Nahrungsaufnahme und memoria, der Erinnerung bzw. Verdrängung traumatischer Erlebnisse wie Krieg oder Unterdrückung anhand von Texten von Nothomb und Bolaños. Auch die Verwendung des Mahls bei Tabucchi lässt sich in Richtung einer Gedächtnisfeier denken.

Das Essen in seiner geschichtlichen Immanenz sowie in seiner sozialen Ritualität ist, wie wir gesehen haben, seit jeher in den Literaturen der Romania vertreten. Besonders deutlich konnten wir dies anhand folkloristischer Erzählungen aus Argentinien, phantastischer Narrationen aus Frankreich und der Entwicklung des Mahls vom spanischen zum französischen Schelmenroman feststellen.

All diese vielfältigen Beispiele haben gezeigt, welchen Raum die Nahrungsthematik in den Literaturen der Romania eingenommen hat. Wiederkehrende Attribute wie Genuss, Erinnerung, Ritualisierung und Zelebration unterstreichen die Rolle des Alimentären als autoreflexive Metapher für die écriture. Das Mahl ist somit nicht nur ausschmückendes Beiwerk, sondern beinhaltet eine oft wesentliche semiotische Valenz für das Verständnis von Literatur.

Die Aufgabe der Sommerschule, den Teilnehmer*innen Anregungen und Erkenntnisse für ihre Projekte zu liefern, kann unseres Erachtens als erfüllt betrachtet werden. Die intensive Beschäftigung mit jedem vorgestellten Beitrag, die über alle Instanzen hinweg angenehme Atmosphäre sowie die Bereitschaft, den begonnenen Austausch individuell fortzusetzen, übertrafen alle Erwartungen. Wir sind sehr dankbar, dass wir diese gewinnbringende Veranstaltung mit so reger und vielfältiger Beteiligung durchführen konnten und blicken gespannt auf die weitere Entwicklung der einzelnen Projekte!

                                                         Claudia Hein, Lars Klauke, Cordula Wöbbeking

Bericht über die erste sprachwissenschaftliche Sommerschule des Deutschen Romanistenverbandes an der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz im August 2015

Zwischen dem 24. und 28. August 2015 begrüßte die 1946 (wieder-)gegründete Johannes Gutenberg-Universität 14 NachwuchswissenschaftlerInnen aus den Bereichen Sprachwissenschaft und Fachdidaktik zur ersten vom Deutschen Romanistenverband geförderten sprachwissenschaftlichen Sommerschule. Die Veranstaltung hatte das Thema „Sprachliche Daten – Erhebung, Verarbeitung, Auswertung“ und wurde von Jun.-Prof. Benjamin Meisnitzer (Mainz) zusammen mit Dr. Claudia Schlaak (Mainz), Dr. Malte Rosemeyer (Freiburg) und Albert Wall (Zürich) organisiert. Es handelte sich um eine universitäts- und länderübergreifende Kooperation, die sich als außerordentlich produktiv erwies. Die Sommerschule hatte zum Ziel, den TeilnehmerInnen Arbeitstechniken für empirische Studien zu linguistischen Themen zu vermitteln. Immer mehr NachwuchswissenschaftlerInnen der romanistischen Sprachwissenschaft forschen zu empirischen Fragestellungen, auf die sie im Studium allerdings nur teilweise oder gar nicht vorbereitet werden. Häufig handelt es sich dabei um sprachwissenschaftliche Forschungen, die auf qualitativen oder quantitativen Analysen von Daten aus Textkorpora oder Korpora gesprochener Sprache basieren. In letzter Zeit kann aber auch verstärkt eine Kombination mit experimentellen Methoden beobachtet werden, wobei sich unterschiedliche Datentypen in einer holistischen Perspektive gegenseitig ergänzen. Methodologische Vorüberlegungen, Versuchsaufbau bzw. -durchführung, Organisation von erhobenen Daten sowie statistische Auswertung spielen in einer traditionell-philologisch geprägten romanistischen Ausbildung jedoch nur eine geringe Rolle. Auch werden nur selten fächerübergreifende Ansätze, etwa Verfahren der Empirischen Sozialforschung und der Korpuslinguistik, miteinander kombiniert. Gemeinsam mit ausgewiesenen ExpertInnen des Fachs setzten sich die ausgewählten exzellenten NachwuchswissenschaftlerInnen eine Woche lang mit Fragen empirischer Herangehensweisen in Bezug auf sprachliche Daten kritisch auseinander. Die Sommerschule zielte darauf ab, den TeilnehmerInnen einen Überblick über aktuelle Trends in der empirischen Linguistik zu verschaffen, ihnen Grundkenntnisse in gängigen empirischen Analysemethoden zu vermitteln und spezifische Möglichkeiten der Anwendung dieser Methoden auf die Projekte der einzelnen TeilnehmerInnen zu eröffnen. Ausgehend von verschiedenen Blickwinkeln wurden Vergleiche zu bisherigen Forschungen vorgenommen und eigene Erfahrungen weitergegeben. Die Sommerschule wurde dadurch zur Plattform für einen gegenseitigen Austausch zwischen wissenschaftlichem Nachwuchs und bereits etablierten SprachwissenschaftlerInnen.

Die vierzehn TeilnehmerInnen kamen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. In ihrer Mehrheit waren sie(Post)DoktorandInnen, es wurden jedoch angesichts der hervorragenden Qualität der von ihnen eingereichten Exposés auch zwei Masterstudentinnen angenommen. Darüber hinaus wurden auch zwei Fachdidaktikerinnen aufgrund der empirischen Ausrichtung ihrer Arbeit zugelassen. Die Nachfrage für eine derartige Sommerschule spiegelte sich in der Anzahl rasch nach der Veröffentlichung eingegangener Bewerbungen wider.

Das Programm umfasste zwei aufeinander aufbauende Einführungen in das Statistikprogramm R von Herrn Dr. Rosemeyer (Freiburg), fünf thematische Vorträge zu den Themen „Daten und Fakten – Voraussetzungen und Verfahren der computergestützten Datenanalyse“, geleitet von Frau Prof. Dr. Annette Gerstenberg (Berlin), „Spracherhebung und Sprachdokumentation bei indigenen und nicht-indigenen Guaraní-Sprechern – Erfahrungen aus 30 Jahren empirischer Datenerhebung“ von Herrn Prof. Dr. Wolf Dietrich (Münster), „Experimentelle Techniken für das Sprachverstehen“ von Frau Prof. Dr. Barbara Hemforth (Paris), „Informing Linguistic with Statistics: the Case of the SMS Corpora“ von Herrn Dr. Thomas François (Leuven) und „Visualization and Modeling Strategies by Examples“, geleitet von Herrn Prof. Dr. Harald Baayen (Tübingen). Die thematischen Vorträge wurden von fünf praxisorientierten Workshops begleitet: „Textdaten Romanistik: Einführung in die Arbeit mit regulären Ausdrücken“ von Frau Prof. Dr. Annette Gerstenberg (Berlin), „Logistische Regression – Wie kann man quantitativ erfassen, welche sprachlichen und außersprachlichen Faktoren Sprecher beeinflussen, wenn sie zwischen zwei alternativen Ausdrucksmöglichkeiten wählen können?“ von Prof. Dr. Martin Hilpert (Neuchâtel), „Bearbeitung von sprechsprachlichen Daten“ von Dr. Conceição Cunha (München), „Informing Linguistic with Statistics: the Case of the SMS Corpora“ von Dr. Thomas François (Leuven) und „Visualization and Modeling Strategies by Examples“ von Prof. Dr. Harald Baayen (Tübingen). In einer abschließenden Befragung der TeilnehmerInnen wurde besonders die große Offenheit und Hilfsbereitschaft der ReferentInnen und WorkshopleiterInnen positiv bewertet. Auch die starke Orientierung an konkreten Fragestellungen der TeilnehmerInnen wurde sehr positiv bewertet, da diese in der Regel um die Zusendung von Datensätzen und Fragestellungen gebeten wurden, um ihnen bei konkreten Problemen zu helfen, Lösungsansätze bieten und konkrete reale Probleme in die gemeinsame Arbeit einbeziehen zu können. Es bestand am Ende des Workshops einstimmiger Konsens seitens der TeilnehmerInnen, dass sie viel gelernt hatten, dass ihre Fragen beantwortet und Probleme behoben werden konnten, dass sie maximal von der Sommerschule profitiert hatten und dass die gemeinsame Woche wissenschaftlich, aber auch menschlich ein Gewinn war.

Neben den Vorträgen und Workshops konnten die TeilnehmerInnen in halbstündigen Präsentationen ihre Arbeiten vorstellen und Probleme in einer anschließenden Diskussion von ca. 15 Minuten besprechen. Die Projekte und Probleme wurden intensiv diskutiert und zielgerichtete Optimierungsvorschläge gemacht. Die Beteiligung sowohl von Seiten der ExpertInnen als auch der TeilnehmerInnen war hierbei unermüdlich. Trotz des sehr kompakten und umfangreichen wissenschaftlichen Programms blieb am Ende noch Zeit für ein gemeinsames Abendessen im Weinhaus Heilig Geist, zu dem die OrganisatorInnen einluden. Diese erste sprachwissenschaftliche Sommerschule leistete somit einen wichtigen Beitrag zur wissenschaftlichen Weiterbildung und Förderung von exzellentem wissenschaftlichem Nachwuchs, diente gleichzeitig aber auch der Vernetzung unter Nachwuchs- und etablierten WissenschaftlerInnen. Besonders positiv wurde die Möglichkeit bewertet, das Gelernte selbst auszuprobieren und anzuwenden; es bestand der explizite Wunsch, dass weitere linguistische Sommerschulen im Rahmen dieser hervorragenden Förderung durch den Deutschen Romanistenverband angeboten werden sollen.

Uns bleibt den Teilnehmer-Pionieren zu danken, dass sie sich mit uns auf diese gemeinsame Reise – die uns OrganisatorInnen viel Spaß gemacht hat – begeben haben. Wir wünschen allen für ihren weiteren akademischen und wissenschaftlichen Werdegang viel Erfolg. Den ReferentInnen möchten wir herzlich für ihr unentgeltliches Engagement danken, das bei weitem unsere Erwartungen übertroffen hat. Unserer Hilfskraft Bénédict Wocker (Mainz) danken wir für die hervorragende und unerlässliche technische, aber auch gestalterische Unterstützung.

Wir würden uns sehr freuen, wenn weitere sprachwissenschaftliche Sommerschulen folgen würden!

                                  Benjamin Meisnitzer (Mainz), Malte Rosemeyer (Freiburg),
Claudia Schlaak (Mainz), Albert Wall (Zürich)