Sommerschulen 2016

„Gesprochene Sprache in der Romania: Von der Theorie zur Empirie“ – ein Bericht von der zweiten sprachwissenschaftlichen DRV Sommerschule an der Universität Wien

Zwischen dem 01. und 05. August 2016 fand die zweite sprachwissenschaftliche Sommerschule des Deutschen Romanistenverbandes am Institut für Romanistik der Universität Wien unter dem übergeordneten Thema „Gesprochene Sprache in der Romania: Von der Theorie zur Empirie“ statt, an der 14 Nachwuchswissen­schaftlerInnen sowie sieben hochkarätige ExpertInnen teilnahmen. Mit dieser Thematik wollten wir vor allem ein breites Spektrum an aktuellen und zukunftsorientierten empirischen Methoden und Fragestellungen für das experimentelle Arbeiten mit gesprochenen Daten in den Bereichen der experimentellen Phonetik und der Phonologie sowie der benachbarten Disziplinen mit Bezug zur gesprochenen Sprache (Psycholinguistik und Forensik, Syntax, Semantik, Pragmatik der gesprochenen Sprache, Erst- und Zweitspracherwerb) interessierten DoktorandInnen und fortgeschrittenen Studierenden der romanistischen Linguistik nahebringen. Die Hauptmotivation für den thematischen Schwerpunkt dieser Sommerschule war, dass Phonetik und Phonologie zwar einen festen Bestandteil des Romanistikstudiums darstellen, sie jedoch häufig lediglich theoretisch angegangen werden, während die praktische Anwendung der Methoden im Rahmen des Studiums gerne vernachlässigt wird. So werden empirische Techniken, experimentelle Vorgehensweisen und die Grundlagen des experimentellen Arbeitens während des Studiums häufig nur oberflächlich behandelt und müssen meist selbstständig zu Beginn einer Qualifikationsarbeit erlernt werden. Dies hat zur Folge, dass DoktorandInnen zu Beginn eines Dissertationsvorhabens auf externe Expertenhilfe angewiesen sind, da solche Arbeiten tendenziell immer empirischer und datenbasierter werden. Aus diesen Gründen wollten wir mit dieser Sommerschule einen wichtigen Beitrag zu einer besseren und effizienteren Qualifikation der NachwuchsforscherInnen leisten, die kurz vor bzw. am Anfang des Bearbeitungsprozesses einer solchen Arbeit stehen, indem wir die Sommerschule sehr praktisch konzipiert haben und mehrere Workshops und kleine Arbeitsgruppen mit den Experten durchgeführt haben.

Ziel der Sommerschule war es, den Studierenden die Gelegenheit zu bieten, theoretisches Wissen im Rahmen eines konkreten praktischen Beispielprojektes anzuwenden. Das Projekt beinhaltete jegliche Arbeitsphasen von den Aufnahmen bis hin zu Perzeptionsexperimenten, die in der Phonetik und Phonologie durchlaufen werden können. Thematisch standen die Vokale und die Intonation in der Romania im Vordergrund. So konnten unsere ExpertInnen die gängigsten Methoden der Formantenanalyse, des Abbildens von Vokalräumen sowie der Manipulation von Intonationseinheiten im Rahmen von Vorträgen und Workshops vorstellen und anwenden. Im Anschluss daran wurde den Studierenden des Weiteren die Möglichkeit gegeben, die Methoden in kleineren Arbeitsgruppen zu vertiefen.

Das tägliche Programm beinhaltete einen Expertenvortrag, meistens zu Beginn des Tages, gefolgt von drei bzw. vier Teilnehmerbeiträgen. Nach dem Mittagessen wurden die am Vormittag vorgestellten Themen in Workshops vertieft und in darauf aufbauenden Arbeitsgruppen geübt.

Konkret lief die Sommerschule folgendermaßen ab: Zu Beginn hielt Dr. Sylvia Moosmüller (Wien), Leiterin der Forschungsgruppe zur akustischen Phonetik des Instituts für Schallforschung der österreichischen Akademie der Wissenschaften, einen einführenden Vortrag, in dem sie vor allem auf die Unterscheidung und die Schnittstellen zwischen der Phonetik und der Phonologie sowie auf den Bereich der Soziophonetik einging, was sie vor allem mit Hilfe von Beispielen aus dem wienerischen Deutsch illustrierte. Im Anschluss daran boten Dr. Conceição Cunha (Bozen, München) und Dr. Andrea Pešková (Osnabrück) einen einführenden Workshop zum Programm PRAAT an, im Anschluss dessen die Teilnehmer in kleinen Gruppen Aufnahmen durchführten. Am Dienstag konnten die TeilnehmerInnen vom Fachwissen zur Vokalquantität sowie vom empirischem Know-how von Dr. Katalin Mády (Budapest) profitieren, einer hochkarätigen Linguistin und Phonetikerin, die seit vielen Jahren phonologischen Fragestellungen anhand von experimentellen Ansätzen nachgeht und die Sommerschule durch einen Gastvortrag zu den Vokalen in der Sprachproduktion sowie durch einen mit Dr. Conceição Cunha angebotenen Workshop zur Segmentierung von Sprachaufnahmen in PRAAT sowie zum PRAAT Scripting bereichern konnte. Am Mittwoch bot Prof. Dr. Paul Boersma (Amsterdam), einer der führenden Wissenschaftler der experimentellen Phonetik und Entwickler des meistverwen­deten Phonetik-Programms PRAAT, einen interaktiven Workshop zur Vokalanalyse sowie zur Berechnung und Abbildung von Spektren und Formanten an. Prof. Dr. Trudel Meisenburg (Osnabrück), eine renommierte Romanistin und Expertin der französischen, okzitanischen und spanischen Phonologie, hielt im Anschluss einen sehr informativen und anschaulichen Gastvortrag zur Intonation in der Romania. Diese Thematik wurde am Donnerstag durch zwei Workshops wieder aufgegriffen: Paolo Roseano (Barcelona), Phonologe und Soziolinguist, der sich neben dem Italienischen, dem Spanischen und dem Katalanischen auch mit dem Friaulischen beschäftigt, begann mit einem Workshop zur Intonation aus der Perspektive der Sprachproduktion. Maria del Mar Vanrell Bosch (Berlin), eine der bekanntesten Nachwuchswissenschaftlerinnen im Bereich der suprasegmentalen Phonologie der romanischen Sprachen, behandelte dieselbe Thematik im Anschluss daran aus der Perspektive der Sprachperzeption. Abgeschlossen wurde die Sommerschule durch einen Gastvortrag des Direktors des Phonetischen Instituts der Karls-Universität in Prag, Prof. Dr. Radek Skarnitzl (Prag), der den TeilnehmerInnen einen weitgehenden Überblick über die angewandte Disziplin der forensischen Phonetik anbot.

Neben den Gastvorträgen und den interaktiven Workshops konnten die TeilnehmerInnen ihre (laufenden oder abgeschlossenen) Bachelor-, Master- und Doktorarbeiten im Rahmen von halbstündigen Präsentationen vorstellen und offene Fragen und Probleme in einer anschließenden Diskussion mit den ExpertInnen und den anderen TeilnehmerInnen besprechen. Gerade die daraus entstandenen intensiven und konstruktiven Diskussionen und Vorschläge rund um die laufenden Projekte bewerteten die TeilnehmerInnen im Rahmen einer abschließenden schriftlichen Befragung sehr positiv. Im Rahmen dieser Befragung wurden des Weiteren die große Informationsdichte der Sommerschule, die große Offenheit und Hilfsbereitschaft der WorkshopleiterInnen, die Möglichkeiten der konkreten Anwendung der gelernten Inhalte im Rahmen von Workshop sowie das kulturelle Rahmenprogramm (Besuch eines Heurigen, Besuch des Esperanto­museums in Wien, Conference Dinner) sehr positiv bewertet. Aus den Evaluationsbögen geht insgesamt eine große Zufriedenheit bezüglich der Nützlichkeit der Sommerschule für die eigenen wissenschaftlichen Projekte, der gelernten Inhalte zur Phonetik und Phonologie sowie der Vernetzung unter Nachwuchs- und etablierten WissenschaftlerInnen hervor.

Wir möchten uns ganz herzlich beim Deutschen Romanistenverband für die finanzielle Unterstützung und insbesondere bei Robert Hesselbach für seine organisatorische Unterstützung und seine Teilnahme an der gesamten Sommerschule bedanken. Ein besonderer Dank geht außerdem an die TeilnehmerInnen für die spannenden Vorträge und anregenden Diskussionen und – nicht zuletzt – an unsere ExpertInnen, die diese Sommerschule durch ihre vielseitigen und spannenden Vorträge und Workshops überhaupt ermöglicht haben.

Marc Chalier, Conceição Cunha,
Luise Jansen und Andrea Pešková