Berlin 2011

Eröffnungsansprache der Vorsitzenden Gabriele Knauer

Sehr geehrter Herr Vizepräsident!
Sehr geehrter Herr Schüller!
Sehr geehrte Frau Dekanin!
Liebe Ehrengäste des heutigen Abends!
Liebe Kolleginnen und Kollegen aus dem In- und Ausland!

Ich freue mich sehr, Sie heute und hier zur Eröffnung des XXXII. Romanistentages willkommen zu heißen. Wie uns allen bekannt ist, fand der XVIII. Romanistentag 1983 an der Freien Universität Berlin statt. Carlos Gardel und sein Lied „Volver“, interpretiert von Cristiane Roncaglio und André Bayer, symbolisieren nach 28 Jahren die „Rückkehr“ unseres Fachkongresses nach Berlin. Ich habe bei seiner Vorbereitung immer wieder über diese Jahre nachdenken müssen, denn sie nehmen tatsächlich den größten Teil meines eigenen wissenschaftlichen Werdegangs als Romanistin ein. Dabei ist mir in besonderer Weise bewusst geworden, dass Wissenschaft nicht nur mit Rationalität zu tun hat, sondern auch mit Emotionalität. Wenn Sie mich fragten, wie sich denn das äußere, würde ich drei Dinge sagen:

 – Romanisten betreiben ihr Fach mit „Passion“, wie es auch der Titel einer der jüngsten Veröffentlichungen zu unserer Fachgeschichte zu Recht ausdrückt.
– Wir forschen und diskutieren über „Wut“ und „Expressivität“ als kultur- und sprachwissenschaftliche Phänomene.
– Und wir tun dies unter bestimmten äußeren Bedingungen, die, wenn wir über sie in zeitlichen Abständen nachdenken, auch unsere persönlichen Erinnerungen mit bestimmten Gefühlen verbinden.

Ich glaube, Sie werden mit mir einer Meinung sein, dass die Erinnerung an die Situation im Berlin der Nachkriegszeit bis 1989 unweigerlich Emotionen hervorruft, denn sie war Symbol einer „geteilten Romanistik“. Ich möchte nur ein symptomatisches Detail erwähnen: Auf dem Romanistentag, genauer am 06. Oktober 1983 wurde an den Sprachwissenschaftler Yakov Malkiel die Ehrenpromotion der Freien Universität Berlin vergeben. Er hatte bei Ernst Gamillscheg an der Berliner Friedrich-Wilhelm-Universität Romanistik studiert, wurde dort 1938 promoviert und verließ wegen seiner jüdischen Herkunft nur zwei Jahre später zusammen mit seiner Familie Deutschland. Unser verehrter Festredner Jürgen Trabant hielt 1983 die Laudatio für diesen verdienstvollen Romanisten, der bis zu seinem Tode im Jahr 1998 in den USA lebte und wirkte. Romanisten der Berliner Humboldt-Universität konnten 1983 nicht am Romanistentag teilnehmen, weil es die politischen Verhältnisse verhinderten. Deshalb erfüllt es mich mit Stolz und Freude, dass ich heute stellvertretend für mein Institut Gastgeberin des XXXII. Romanistentages bin. Und nicht nur im Bewusstsein dieser historischen Tatsachen habe ich Jürgen Trabant gebeten, den Festvortrag zu halten. Sein exzellenter Ruf als Romanist und Sprachwissenschaftler sowie die Tatsache, dass er auch Fellow der Kolleg-Forschergruppe „Bildakt und Verkörperung“ der Humboldt-Universität zu Berlin ist, lassen ihn wie keinen anderen Wissenschaftler zum Symbol einer Berliner Romanistik werden, in deren Vordergrund wissenschaftliche und nicht politische Kriterien stehen.

Es waren unter anderem Gedanken dieser Art, die mich bewogen hatten, dem Vorstand des DRV das Tagungsmotto „Romanistik im Dialog“ vorzuschlagen. Im Hinblick auf das wissenschaftliche Sektionsprogramm – und jetzt komme ich zum rationalen Teil meiner Rede – haben wir uns jedoch vor allem die Frage gestellt, wie interdisziplinär die Romanistik heute ist. Die 28 Sektionen lassen erkennen, dass es nach wie vor die Zusammenarbeit zwischen VertreterInnen der romanis­tischen Einzeldisziplinen Sprach- und Literaturwissenschaft bzw. Didaktik und Fachwissenschaften mit einer kulturwissenschaftlichen Ausrichtung ist, die diesem Anspruch gerecht wird. Bleiben wir somit auf dem Kongress noch im Wesentlichen „unter uns“, so sind RomanistInnen doch an zahlreichen interdisziplinären, vornehmlich geistes- und sozialwissenschaftlichen Exzellenz­clustern auf Bundes- und Landesebene beteiligt, etwa in

„TOPOI – Die Formation und Transformation von Raum und Wissen in den antiken Kulturen“ (Berlin)
„Linguistic Diversity Management in Urban Areas, LiMA“ (Hamburg)
„Kulturelle Grundlagen von Integration“ (Konstanz)
„Religion und Politik“ (Münster)
„Gesellschaftliche Abhängigkeit und soziale Netzwerke“ (Trier/Mainz).

In diesen Projekten ist romanistische literatur-, sprach- und kultur­wissen­schaftliche Expertise in enger Verbindung mit gesellschaftlichen Fragestellungen unverzichtbar.

Und letztlich haben wir uns als Organisatoren dieses Kongresses gefragt, wie wir das ungeheure kulturelle Potenzial unserer Fachdisziplin auch außerhalb der Universität sichtbar machen können. Das vielfältige kulturelle Rahmenprogramm ist das Ergebnis einer fruchtbaren Kooperation nicht nur innerhalb der Humboldt-Universität (Institut für Asien- und Afrikawissenschaften, Winckelmann-Institut, Grimm-Zentrum, Teilbibliothek Romanistik), sondern auch mit zahlreichen Berliner Institutionen wie Kulturinstituten, dem Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte, dem Frankreich-Zentrum der Freien Universität, dem Verein der Freunde des IAI und der Staatsbibliothek. Mein persönlicher Dank gilt – den Vertreterinnen und Vertretern dieser Institutionen, die heute hier anwesend sind! Mein ganz besonderer Dank gilt dem Vorbereitungsteam des Kongresses für ihr Engagement und ihren Teamgeist: Katrin Frohmann, Inga Grantyn, Ivonne Gutiérrez, Roberto Ubbidiente, Carola Veit, Florian Walz, Katharina Wieland, der Leitung des Institutes für Romanistik, der stellvertretenden Verwaltungsleiterin, Fr. Engelhardt, und dem Präsidium der HU für die konstruktive Zusammenarbeit.

Ich wünsche dem XXXII. Romanistentag und seinen Teilnehmerinnen und Teilnehmern einen großen wissenschaftlichen Erfolg, verbunden mit einem angenehmen Aufenthalt in unserer Stadt und Universität. Die Berliner Romanisten – und ich sage bewusst Berliner – haben ihn in diesem Sinne vorbereitet.

Herzlichen Dank!