Sektionen Literaturwissenschaft

Der Augenblick als Herausforderung lyrischen Sprechens – Motiv und Denkfigur der Moderne

Sektionsleitung: Michael Bernsen (Bonn), Milan Herold (Bonn)

Kontaktmherold(at)uni-bonn.de

Der Augenblick ist Ewigkeit. Goethes Satz formuliert in nuce den Anspruch und die Komplexität des Begriffs ‚Augenblick‘, der immer schon das Denken herausgefordert hat. Seine lange Tradition hat ein enormes Bedeutungsspektrum hervorgebracht, das so Unterschiedliches bezeichnet wie Ek­stase, leere Gegenwart oder Epiphanie.

Philosophie, Theologie und Literatur ringen seit jeher um ein angemessenes Verständnis des Augen­blicks, der diskursübergreifend sowohl Motiv als auch Denkfigur ist. Der Augenblick stellt eine Kristallisationsfigur dar, in der das Ganze auf dem Spiel steht: In der Gegenwart zu leben, verheißt seit der antiken Ethik die Möglichkeit eines glücklichen Lebens. Der göttliche Kairos muss wie die sprichwörtliche Gelegenheit beim Schopfe gepackt werden.

Der Coup d’œil kann die Gabe bezeichnen, einen militärischen Vorteil zu erkennen, aber auch ganz all­gemein die Möglichkeit des Denkens, Analogien und Korrespondenzen zu entdecken. Ein Ereig­nis kann wie ein Blitz einschlagen: Der messianische wie auch der apokalyptische Augenblick än­dern den Lauf der Geschichte. Der entscheidende Augenblick im Plot verschiebt den Sinn des Gan­zen. Schöne Augenblicke ebenso wie traumatische Erlebnisse sind die Fixpunkte der Erinnerung und der persönlichen Existenz.

Der Moment der göttlichen Inspiration, eine außerordentliche Form des Wahnsinns, kann poetisches Schaffen ermöglichen, aber auch überfordern. Die unio mystica er­öffnet dem Gläubigen die Erfah­rung der Präsenz Gottes und fordert die Sprache dazu heraus, das Unsagbare zu sagen. Der momen­to di innamoramento ist zugleich unmögliche Liebe und Chance des ly­rischen Sprechens. Der Au­genblick des Schweigens kann sowohl das Scheitern der Spra­che an der Wirklichkeit als auch die performative Bewältigung einer Leerstelle bedeuten. Der er­habene Augenblick verkörpert nicht nur eine ausgezeichnete Selbst- und Landschaftserfahrung, sondern wie der Schock eine Herausforde­rung des Subjekts, sich zu seiner Endlichkeit zu verhalten. Die Erfah­rung der sinnentleerten Gegen­wart kann das Individuum in die Verzweiflung treiben, in der Litera­tur ist sie aber auch Herausfor­derung und Chance des zur Sprache Kommens.

Augenblicke lautet das erste Kapitel des Museums der modernen Poesie, und in der Tat ist es immer eine Herausforderung für die Lyrik gewesen, Augenblicke darzustellen, zu reflektieren und zu hin­terfragen. Die Geschichte der europäischen Lyrik ist auch die des lyrischen Augenblicks. Dabei ist der Augenblick traditionell eine besondere Form der Gegenwartserfahrung, aber auch eine Produktio­n von Präsenz, die eng mit der Frage nach dem Subjekt verknüpft ist:
Die Relevanz der Frage nach dem Augenblick auch für unsere eigene Gegenwart – gerade als Wech­selbegriff von subjektiver Erfahrung und literarischer Gestaltung – kristallisiert sich beispielhaft daran, ob und wenn inwiefern Gumbrechts These vom historischen Zeitbewusstsein der klassischen Moderne gegenüber unserer breiten Gegenwart zuzustimmen ist (Gumbrecht 2012). Wie konnte sich ein Verständnis des Augenblicks als reiner Übergang und infinitesimale Zeitkürze, für die paradigmatisch Baudelaire einsteht, entwickeln? Eine Antwort müsste sich notwendig zu der Frage verhalten, wie der Tod des Autors oder der Autor als Geste (Agamben 2005) zu verstehen und zu bewerten ist. Diese Korrelation von Augenblick und Subjekt fordert eine Auseinandersetzung mit der Möglichkeit und der Form von Literaturgeschichtsschreibung überhaupt, da sich in ihr auch immer das jeweilige Selbstverständnis der Gegenwart reflektiert.

Die geplante Sektion will epochenübergreifend und in interdisziplinärer Ausrichtung die Gestaltung des Augenblicks in den romanischen Literaturen untersuchen. Die komplexe Frage, wie und warum Au­genblicke in der Moderne gestaltet werden, ist eine Chance für den wissenschaftli­chen Dialog.

 

 


 

Kinder- und Jugendliteratur der Romania

Sektionsleitung: Ludger Scherer (Köln/Bonn), Roland Ißler (Bonn)

Kontaktl.scherer(at)uni-bonn.deroland.issler(at)uni-bonn.de

In der deutschsprachigen Romanistik ist die Kinder- und Jugendliteratur noch nicht als systematisches Forschungsfeld etabliert, dabei stammen doch mit Don QuijotePinocchioPetit Prince und Petit Nicolas, um nur einige Beispiele zu nennen, zahlreiche zu Kinderbuchklassikern avancierte Werke aus den romanischen Literaturen. Zudem bietet dieses Gebiet in besonderer Weise die Chance, den Herausforderungen der jüngsten Studienreformen zu begegnen und innovative Forschung mit praxisrelevanter Lehre und fachdidaktischer Anwendung in interdisziplinärer Zusammenarbeit zu verbinden. Die skizzierte Lücke soll in dieser Sektion angegangen werden, indem auf der einen Seite grundsätzliche Fragen dieses neuen romanistischen Forschungsfeldes diskutiert werden, so etwa definitorische Probleme der Gegenstands­bestimmung (intentionale – spezifische – sanktionierte – adaptierte Literatur), die historische Entwicklung, der Bezug zum Schulunterricht und zu gesellschaftlichen Institutionen und Instanzen, die Abgrenzung von der Erwachsenenlektüre resp. die Verwischung dieser Grenze. Andererseits wäre der implizite und explizite Kanon der romanischen Kinder- und Jugendliteratur zu untersuchen, wobei neben literaturgeschichtlichen und -theoretischen Aspekten beispielsweise auch solche der internationalen Vermarktung anzusprechen wären. Es geht also um das gesamte literarische Feld von Produktion, Distribution und Rezeption, Zuschreibung und Aneignung, Anleitung und Verführung zum Lesen. Zur Sprache kommen sollen entsprechend Werke für Kinder und Jugendliche aus allen relevanten Genres wie Lyrik, Narrativik, Märchen, Bilderbuch, Comic, Sachbuch, Hörspiel, Theater und Film. Angesichts der aktuell unzureichenden Forschungslage in der Romanistik sind Impulse aus den seit längerer Zeit umfassend aktiven Nachbardisziplinen Germanistik, Anglistik und Komparatistik sicher gewinnbringend. Die Zahl der möglichen Untersuchungsansätze ist groß, zu denken ist beispielsweise an die nationalen wie internationalen Kanonbildungen unter literarhistorischen, soziologischen, psychologischen, ideologiekritischen oder geschlechtsspezifischen Aspekten, an Fragen der interkulturellen Vermittlung und Kompetenzbildung, der Übersetzung und intermedialen Transformation, der Poetik, der ästhetischen Bewertung beliebter Werke von seiten der universitären und feuilletonistischen Literaturkritik und der Rolle bekannter Autorinnen und Autoren in der Kinder- und Jugendliteratur. Mithilfe der Beiträge zu den unterschiedlichen angesprochenen Bereichen sollen Grundlagen für die weitere längerfristige systematische Erforschung dieses kulturellen Feldes gelegt, vorhandene Ansätze aufgegriffen und neue Fragestellungen entwickelt werden.

 

 


 

Der literarische Text im 20. Jahrhundert als Herausforderung für den Leser

Sektionsleitung: Helke Kuhn (Stuttgart), Beatrice Nickel (Stuttgart)

Kontakthelke.kuhn(at)gmx.debeatrice.nickel(at)gmx.dehelke.kuhn(at)gmx.de

Mit der verstärkten Autonomisierung poetischer Funktionen wird die Produktion literarischer Texte seit der Mitte des 19. Jahrhunderts in zunehmendem Maße als Verfertigung eines autoreferentiellen semiotischen Fabrikats verstanden, wohingegen der diskursive und pragmatische Aspekt der sprachkünstlerischen Produktion immer weiter marginalisiert wird. Dies führt im 20. Jahrhundert zur Erzeugung ‚abstrakter‘ Texte, die als semiotische Angebote komponiert werden. Die Generierung der semantischen Dimension des Textes wird dabei in unterschiedlichem Maße an den Leser delegiert, und zwar im Sinne nicht abschließbarer, auf semiotischen Strukturen basierender Interpretationsprozesse. Wenn im Sinne eines Kommunikationsmodells eine Botschaft vom Autor an den Leser ausgeht, dann ist es die Botschaft, die in der Struktur des Fabrikats selbst angelegt ist und damit eine Aussage über dessen poetische Faktur enthält. Weitergehende Sinnzuweisungen sind dann in der Regel die Aufgabe des Rezipienten.

Dies gilt im 20. Jahrhundert in bemerkenswertem Umfang in fast jeder Sparte der poetischen Textsortenproduktion des gesamtromanischen Bereiches. In Frankreich stehen für diesen Prozess beispielsweise das dadaistische Gedicht, die surrealistische écriture automatique, Montage- und Collagetexte, wie sie u.a. von Apollinaire produziert worden sind, aber auch eine Vielzahl von Texten, die in der Traditionslinie des nouveau roman oder der Gruppe OULIPO stehen, und ein zur Abstraktion tendierendes Theater, wie es u.a. Samuel Beckett vorgelegt hat. Des Weiteren ließe sich an Autoren der frankophonen Karibik denken, wie beispielsweise an Édouard Glissant, bei dem das Konzept der „opacité“ programmatisch als postkolonialer Widerstand fungiert. Die Herausforderung an den Leser stellt sich dabei zum einen als Grenze des Verstehens und zum anderen als ein Erforschen der kulturellen Diversität dar.

Der Autor weist dem Rezipienten im System von Autor, Text und Rezipient die Funktion des Generators von Sinn zu, der die Semiosen in einer nicht kalkulierbaren Weise vollzieht. Diese Herausforderung an den Leser ist eine der grundlegenden Innovationen in der Literatur des 20. Jahrhunderts, die auch theoretische und methodische Implikation hinsichtlich der Texthermeneutik vollkommen neu aufstellt.

Mit den in der Tradition der Hermeneutik stehenden Arbeiten von Hans-Robert Jauß und Wolfgang Iser, die freilich erst nach Umberto Ecos L’opera aperta (1962) entstanden sind, sind in der Literaturkritik wichtige Positionen der Rezeptionsforschung abgesteckt, müssen jedoch zweifellos durch neue Perspektivierungen erweitert oder ergänzt werden, zumal um solche, in denen auch jüngeren Entwicklungen Rechnung getragen wird. So etwa ergeben sich auf dem Feld hypertextueller Wortkunst neue Konstellationen im Hinblick auf das Verhältnis zwischen Autor und Leser. Ziel dieser Sektion ist es, den literarischen Text im 20. Jahrhundert als Herausforderung und Provokation zur Sinnproduktion für den Leser zu erfassen und an mustergültigen Fallstudien zu erläutern, die aus dem gesamten Bereich der Romania stammen können und sollen.

 

 


 

Literatur als Herausforderung. Zwischen ästhetischem Autonomiestreben, kontextueller Fremdbestimmung und dem Gestaltungsanspruch gesellschaftlicher Zukunft

Sektionsleitung: Henning Hufnagel (Freiburg), Kai Nonnenmacher (Regensburg), Barbara Ventarola (Würzburg)

Kontakthenning.hufnagel(at)frias.uni-freiburg.dekai.nonnenmacher(at)sprachlit.uni-regensburg.debventaro(at)uni-wuerzburg.de

Literatur fordert heraus: zuallererst ihre Rezipienten, mit literarischen Texten einen Umgang, wenn nicht gar Sinn in diesen Texten zu finden. Aber auch ihre Produzenten fordert sie heraus, literarisches Schreiben gegenüber anderen – etwa wissenschaftlichen – Schreibweisen zu praktizieren. Andererseits wird Literatur herausgefordert, in ihrem Aussage- und Geltungsanspruch, in ihrem Form- und Sinnangebot. Die Sektion nimmt diese Herausforderungen der Literatur im doppelten Sinne in den Blick. Sie fokussiert das Wechselspiel zwischen ästhetischem Autonomiestreben und kontextueller Fremdbestimmung der Literatur insbesondere anhand des immer wieder erhobenen Anspruchs von Literatur, als Literatur gesellschaftliche Zukunft zu entwickeln und zu gestalten.

Die Sektion konzentriert sich auf die Zeitspanne zwischen 1860 und 1950, da hier – ausgehend von den französischen Debatten (vor allem zwischen Naturalisten und Symbolisten) – in allen Literaturen der Romania die aufgeworfenen Probleme besonders intensiv diskutiert, in Ansätzen auch theoretisiert und in unterschiedlichsten Zuordnungsmöglichkeiten versuchsweise gelöst werden. Besonderes Interesse gilt dementsprechend der Frage, wie sich die verschiedenen zeitgenössischen Literaturströmungen mit ihren Lösungsangeboten zueinander und zu den französischen Diskussionen stellen. Darüber hinaus soll die Sektion auch Blicke auf die Gegenwart werfen. Schließlich würden Schlaglichter auf die Problematik aus der Warte anderer künstlerischer Medien begrüßt.

Die Sektionsarbeit soll sich anhand dreier Themenkomplexe entfalten:

  1. Naturalismus vs. Symbolismus? Der erste gilt der von nicht selten programmatischen Frontstellungen gekennzeichneten Situation der Literatur in den Jahrzehnten nach 1860. Der Naturalismus verzahnt programmatisch Literatur und (Natur-)Wissenschaft. Wie nehmen die Symbolisten die Herausforderung an, dagegen die Autonomie von Literatur bis hin zu einer poésie pure zu verteidigen? Wie reagieren die Naturalisten ihrerseits auf Bestrebungen, nur eine von Kontextuellem gereinigte Literatur als Literatur anzusehen? Welches wären Text- und Denkfiguren, in denen sich beide Strömungen produktiv begegnen? Und welche (möglicherweise alternativen) Zuordnungen nehmen die zeitgenössischen Literaturströmungen anderer romanischer Länder vor? Die Betrachtung zielt besonders auf die Verschiebungen in den Diskurs- und Gattungssystemen, die sich durch diese Kämpfe um die Diskurshoheit über die Literatur ergeben.
  2. Avantgarden zwischen Autonomie und Engagement: Der zweite Komplex stellt die Herausforderung der Avantgarden an die Institution Literatur zentral, Kunst und Leben in eins zu setzen und die verschiedenen Pole, die der Titel der Sektion benennt, wechselseitig zu neutralisieren bzw. in ein Kontinuum zu transformieren. Manche Avantgarden gehen weiter, verneinen den Autonomie-Pol zugunsten des Lebens und stellen Literatur in den Dienst einer politischen Ideologie: Wie reflektieren und rechtfertigen die Autoren ein solches Engagement? Was bedeutet eigentlich eine Ideologisierung von Literatur? Wo und wie werden andere, weniger radikal-oppositive Zuordnungen von Ästhetik und Engagement entwickelt? Kann eine solche Literatur auch nach dem ‚Tod‘ der Ideologien noch von anderem als historischem Interesse sein? Und wie lassen sich solche Reflexionen für den Umgang mit den aktuell durchaus zu beobachtenden Tendenzen einer Reideologisierung und Repragmatisierung von Kunst und Wissenschaft fruchtbar machen?
  3. Literarische Autonomie – ein Thema der Literaturwissenschaft heute? Schließlich soll das Thema der Sektion selbstreflexiv auf die Arbeit der Literaturwissenschaft angewandt werden: Wie geht die Literaturwissenschaft mit der Herausforderung einer sich autonom setzenden Literatur um? Droht, gerade heute, in der literaturwissenschaftlichen Arbeit der literarische Text in der Betrachtung allzu oft zugunsten seiner Kontextualisierung unterbelichtet zu bleiben? Inwiefern werden z.B. in Theorieansätzen wie der postkolonialen oder der Gender-Theorie Texte in ihrer literarischen Qualität ernst genommen? Bleiben die Texte dort vielleicht allzu häufig Jetons in einem Spiel, das um Politikersatz kreist? Ist umgekehrt die autonomieästhetisch inspirierte Ausblendung entsprechender Fragestellungen wirklich eine gangbare Zukunftsoption? Und wie ließen sich die benannten Probleme beheben? Welche Möglichkeiten scheinen erfolgversprechend, um die ‚engagierten‘ Fragestellungen mit der Betrachtung eines ästhetischen Eigenwerts der Literatur zu verbinden?

 


 

Schrift/Kunst: Künstlerinnen in den historischen Avantgarden

Sektionsleitung: Doris Eibl (Innsbruck), Andrea Oberhuber (Montréal)

Kontaktdoris.g.eibl(at)uibk.ac.atandrea.oberhuber(at)umontreal.ca

Eine Reihe von Ausstellungen zu Avantgarde-Künstlerinnen wie zuletzt im Los Angeles County Museum of Art/LACMA (In Wonderland. Surrealist Adventures of Women Artists in Mexico and the United States), in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen (Die andere Seite des Mondes. Künstlerinnen der Avantgarde) oder im Centre Pompidou (Danser sa vie. Art et danse de 1900 à aujourd’hui) führten die Bedeutung der zahlreichen Schriftstellerinnen und Künstlerinnen für die historischen Avantgarden (Futurismus, Dada und Surrealismus) vor. Der Anteil von Valentine de Saint-Point, Hannah Höch, Emmy Hennings, Sophie Taeuber, Claude Cahun, Florence Henri, Leonora Carrington, Valentine Penrose, Frida Kahlo und Remedios Varo, um nur einige Beispiele zu nennen, an der Konzeption einer innovativen Ästhetik jenseits der künstlerischen und medialen Grenzen fand in den letzten zwanzig Jahren auch in der internationalen Forschung Anerkennung, insbesondere in den Arbeiten von Jacqueline Chénieux-Gendron, Mary Ann Caws, Rudolf Kuenzli, Renée Riese Hubert, Georgiana Colvile, Katharine Conley oder Katharina Sykora.

Eines der zentralen Merkmale der Schriftstellerinnen und Künstlerinnen ist die intermediale Praxis, mittels derer Text, Fotografie, Film, Malerei und Performanz verknüpft und in hybride Kunstformen übersetzt werden. Diese Verknüpfungen sollen im Rahmen der Sektion unter drei Gesichtspunkten untersucht werden:

  1. Welche Formen der Darstellung entwickeln Autorinnen und Künstlerinnen, um Selbst-Bilder zu entwerfen und nach außen zu projizieren?
  2. Wie werden Text und Bild in den unterschiedlichsten Konstellationen zusammengedacht und letztlich auch zusammengeführt?
  3. Mit welchen Mitteln wird ausgehend vom Prinzip der ars combinatoria die Zusammenarbeit zwischen AutorInnen und KünstlerInnen im Rahmen eines gemeinsamen (Buch-)Projekts umgesetzt?

 


 

Multiperspektivische Weltbetrachtungen: Re-Lektüren und Neubestimmungen lateinamerikanischer Essays

Sektionsleitung: Alexandra Ortiz Wallner (Berlin), Christoph Schamm (São Paulo), Georg Wink (Kopenhagen)

Kontaktaortiz(at)zedat.fu-berlin.deschammch(at)cms.hu-berlin.dewink(at)zedat.fu-berlin.de

In den 1970er und 1980er Jahren bildete der lateinamerikanische Essay einen Fokus literaturwissenschaftlichen Interesses, weil man sich von seiner charakteristischen Verflechtung des Literarischen mit dem Politischen einen exemplarischen Zugang zu den komplexen Realitäten Lateinamerikas erhoffte. Seit den 1990er Jahren wird indes gerade in der außereuropäischen Forschung ein Aspekt berücksichtigt, auf den Octavio Paz in Corriente alterna (1967) schon früh hingewiesen hatte: dass der lateinamerikanische Essay nicht nur den eigenen Subkontinent, sondern die Welt in ihrer Gesamtheit in einen spezifischen Blick fasse. Die deutschsprachige Romanistik hat diesen Perspektivenwechsel bislang kaum mitvollzogen, sie hat das Interesse an der Essayistik sogar weitgehend verloren. Die dadurch entstandenen Forschungslücken erscheinen umso frappierender, als der Essay seinem (schwer definierbaren) Wesen nach eine kulturphilosophische Betrachtung ist – und als solche für die neueren kulturwissenschaftlichen Tendenzen in den Philologien sicherlich von höchster Relevanz.

In dieser Sektion soll erprobt werden, inwiefern diesen Forschungsdesideraten entsprochen werden kann. Ist es zum einen erforderlich, die klassisch gewordene Essay-Literatur der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts von Martí und Rodó über die amerikanistische Bewegung bis hin zu Paz Re-Lektüren unter veränderten theoretischen Vorzeichen zu unterziehen, so gilt es zum anderen zu erkunden, inwiefern sich diese Entwicklung bis in die Gegenwart fortsetzt – etwa im Sinne einer Poetik und Ästhetik des Essays oder als Aktualisierung einer bestimmten Tradition im (post)nationalen Zeitalter der jüngsten Globalisierungsphase. Bislang kaum berücksichtigte Autoren der jüngeren Generation, etwa Gustavo Guerrero, Liliana Weinberg, William Ospina oder Juan Villoro, die brasilianische Monatszeitschrift Caros Amigos oder der Blog der Kubanerin Yoani Sánchez wären hier als mögliche Untersuchungsgegenstände zu nennen. Die Sektion will bewusst Unterschiede und Interferenzen zwischen hispanoamerikanischer und brasilianischer Essayistik erhellen; sie geht des Weiteren von einem transversalen Verständnis des Essays aus und öffnet sich auf den fächerübergreifenden Austausch mit den geisteswissenschaftlichen Nachbardisziplinen.

Von den Lektüren bzw. Re-Lektüren einzelner Texte soll der thematische Bogen zurück zu grundlegenden Fragen der lateinamerikanischen Kulturphilosophie und der Essayistik im Allgemeinen gezogen werden: Geht die intensive Reflexion über die Vergangenheit aus dekolonialer Perspektive nicht über den lateinamerikanischen Subkontinent hinaus, führt sie nicht vielmehr zu alternativen Lesarten der Globalgeschichte? Ist es die moderne Skepsis gegenüber geschlossenen Denksystemen, die sich in der Dekonstruktion eurozentrischer Vorstellungen auswirkt, oder ist es umgekehrt ein unverbindlicher Umgang mit europäischem Kulturerbe, der das Diktat strenger Rationalität unterläuft? Adorno bezeichnete das essayistische Schreiben in den fünfziger Jahren als „methodisch unmethodisch“, Hugo Friedrich definierte es 1949 – von Montaigne ausgehend – als offene Form, die dem antinomischen Charakter des Lebens entspreche. Dass lateinamerikanische Essays diese theoretischen Positionen nicht nur bestätigen, sondern implizit vorweggenommen haben, macht den besonderen Reiz dieser Texte aus.

 

 


 

Visões de mundo sob perspectivas múltiplas: releituras e redefinições do ensaio latino-americano

Chefia de secção: Alexandra Ortiz Wallner (Berlin), Christoph Schamm (São Paulo), Georg Wink (Copenhaga)

Contactoaortiz(at)zedat.fu-berlin.deschammch(at)cms.hu-berlin.dewink(at)zedat.fu-berlin.de

O ensaio latino-americano esteve no foco dos Estudos Literários durante os anos 70 e 80, por causa da expectativa de poder compreender, de forma exemplar, as complexas realidades da América Latina, justamente pela característica do ensaio de entrelaçar o literário com o político. Não obstante, desde os anos 90, vem se cogitando, especialmente nos estudos realizados no âmbito latino-americano, um novo aspecto que Octavio Paz, em seu livro Corriente alterna de 1967, realçara já muito antes: o ensaio latino-americano não focaliza apenas o próprio continente, mas sim o mundo na sua totalidade através de uma perspectiva própria. A Romanística alemã, até o presente momento, não tem acompanhado essa nova orientação e, ao que parece, até revela tendências de descaso com a ensaística. Portanto, a retomada de conhecimento do estado da arte e o levantamento de novas questões são altamente desejáveis, ainda mais sendo o ensaio, devido às suas características de gênero próprias, um caso exemplar de perspectiva filosófico-cultural e, como tal, de suma relevância para o viés cultural, cada vez mais presente nas filologias.

A proposta da mesa é orientada pelas questões acima mencionadas. Por um lado, é mister praticar uma releitura da literatura ensaística clássica da primeira metade do século XX (p.ex., José Martí, José Enrique Rodó, o Movimento Americanista, Octavio Paz), levando em conta as novas premissas teóricas. Por outro, sugere-se a investigação do gênero ensaístico no que concerne às suas representações na atualidade, seja como poética e estética do ensaio, seja como atualização de uma tradição no contexto da nova era globalizada. Como objetos de pesquisa oferecem-se autores da mais nova geração, ainda não suficientemente explorados, como Gustavo Guerrero, Liliana Weinberg, William Ospina e Juan Villoro, mas também meios de comunicação com inclinação ensaística como a revista brasileira Caros Amigos ou o blog da cubana Yoani Sánchez. A mesa pretende, assim, tematizar também diferenças e interferências entre a ensaística hispano-americana e brasileira. Parte também do pressuposto da transversalidade e, portanto, entende-se como aberta ao fluxo interdisciplinar de idéias.

Com base nas releituras e primeiras leituras de determinados textos, a mesa quer propor um novo tratamento de questões referentes à filosofia cultural latino-americana e à ensaística em geral: A reflexão intensa sobre o passado latino-americano sob uma perspectiva descolonialista não iria além das fronteiras continentais, conduzindo a leituras outras da história global? Estaria o ceticismo moderno para com sistemas de pensamento herméticos mostrando seu efeito na desconstrução do ideário eurocentrista? Ou estaria o tratamento descomprometido com a tradição européia subvertendo a doutrina da racionalidade máxima? Adorno, em „O ensaio como forma“ de 1958, identificou o ensaio como „metodicamente anti-metódico“ e Hugo Friedrich, em referência a Montaigne, o definiu em 1949 como „forma aberta“ que corresponde ao caráter antinômico da vida. O fato de que ensaios latino-americanos não apenas confirmam, mas indiretamente até anteciparam tais posicionamentos teóricos, torna esses textos especialmente instigantes.

 

 


 

Miradas múltiples sobre el mundo: Re-lecturas y re-definiciones de ensayos latinoamericanos

Dirección de la sección: Alexandra Ortiz Wallner (Berlin), Christoph Schamm (São Paulo), Georg Wink (Copenhague)

Contactoaortiz(at)zedat.fu-berlin.deschammch(at)cms.hu-berlin.dewink(at)zedat.fu-berlin.de

En las décadas de 1970 y 1980, el ensayo latinoamericano fue foco del interés científico-literario en tanto que posibilitaba, a través de la convergencia característica entre lo literario y lo político, un acercamiento ejemplar a las complejas realidades latinoamericanas. A partir de la década de 1990, la investigación sobre el ensayo, especialmente fuera de las fronteras europeas, empezó a tomar en cuenta un aspecto que ya había sido formulado por Octavio Paz décadas antes (en Corriente alterna). Para él, el ensayo latinoamericano no solamente englobaba a través de una mirada particular al propio subcontinente sino que ésta incluía a la vez una reflexión múltiple sobre el mundo en toda su complejidad (Paz 1967). Los estudios literarios de lenguas romances en los países de habla alemana apenas han percibido y participado de este cambio de perspectiva, incluso se podría afirmar que en gran medida ha decaído su interés por la ensayística latinoamericana. Ello ha conducido a la existencia de ciertos vacíos que no dejan de ser sorprendentes si partimos de que el ensayo es, en su carácter oscilatorio, una reflexión filosófico-cultural y como tal, sin duda de una gran relevancia para las nuevas tendencias de investigación en las ciencias literarias y las filologías.

En esta sección se quieren ensayar caminos que de una manera o de otra correspondan a estas cuestiones ligadas a la ensayística latinoamericana vista desde la actualidad. Si por un lado se hace indispensable revisitar bajo otras miradas y perspectivas la ya clásica literatura del género ensayístico de la primera mitad del siglo xx –que incluye las figuras y obras de Martí y Rodó, pasando por el movimiento americanista y las vanguardias hasta llegar a re-lecturas de la obra de Paz-, así también se hace necesario explorar hasta qué punto dichas líneas y sus posibles desarrollos se han mantenido hasta la actualidad, por ejemplo, en el sentido de una poética y una estética del ensayo, o, como una actualización de una determinada tradición en una época (post)nacional y bajo el signo y los efectos de la actual globalización. Autores de las nuevas generaciones como Gustavo Guerrero, Liliana Weinberg, William Ospina o Juan Villoro, así como la revista mensual brasileña Caros Amigos o incluso el blog de Yoani Sánchez formarían parte de un nuevo corpus de estudio y reflexión. Así, la presente sección quiere concientemente develar las diferencias e interferencias entre la ensayística hispanoamericana y brasileña, partiendo a su vez de una comprensión y conceptualización transversal del ensayo, abierta al intercambio y al diálogo con disciplinas humanísticas afines.

A partir de las lecturas y re-lecturas de cada texto o conjunto de textos llevadas a acabo en la sección se pretenden establecer vínculos y relaciones más generales y amplias con preguntas fundamentales propias de la filosofía, la ensayística y el pensamiento latinoamericanos. ¿No conduce acaso una reflexión profunda sobre el pasado desde una perspectiva decolonial también a lecturas alternativas de la historia global? ¿Es acaso el escepticismo moderno frente a los sistemas cerrados de pensamiento palpable en la deconstrucción del ideario eurocentrista o se evidencia más bien un tratamiento sin ataduras, restricciones o complejos con la herencia europea, la cual terminaría incluso por subvertir la doctrina más severa de la racionalidad? Adorno caracterizó ya en la década de 1950 a la escritura ensayística como „metódica anti-metódica“; Hugo Friedrich la definió en 1949 –retomando a Montaigne– como una forma abierta que corresponde al carácter antinómico de la vida. Que los ensayos latinoamericanos no solamente revalidan estas posiciones teóricas sino que las asumieron implícitamente y ampliaron es lo que hace a dicha escritura tan atractiva y estimulante.

 

 


 

Die Erfindung von Landschaft in Mittelalter und Renaissance

Sektionsleitung: Pia Claudia Doering (Göttingen), Bettina Full (Bamberg), Karin Westerwelle (Münster)

Kontaktpia.doering(at)gmx.debettina.full(at)split.uni-bamberg.dekarin.westerwelle(at)uni-muenster.de

Landschaft ist eine besondere Bezeichnung für einen ausschnitthaft wahrgenommenen, durch Perspektive und naturhafte Elemente gestalteten Raum. Ein abstraktes Konzept oder das ‚Unsagbare‘ hat sich in die schöne Anschauung von Naturelementen wie Wasser, Felsen, Berge, Flussläufe und Quellen verwandelt. Wie konstituiert, beschreibt und erfasst die frühe französische und italienische Literatur des Mittelalters und der Renaissance diese naturhaften Plätze, die für die moderne Literatur und Malerei konstitutiv geworden sind?

Die Sektion will interdisziplinär (auch in Mitwirkung der Kunstgeschichte) der Frage nachgehen, auf welchen Wegen die Literatur den neuen Landschaftsraum erfindet. Die Transformation von Allegorien und Topoi soll dabei ebenso verfolgt werden wie die Rezeption der antiken Bukolik. Die Gegenüberstellung Stadt und Land weist auf die politische Funktion von Landschaften als Gegenorten von Werten und Normen hin; die Einsamkeit und die geheimnisvolle Unzugänglich­keit von Landschaftsplätzen reflektieren imaginative Prozesse, die das Subjekt im Spiegel der Landschaft erscheinen lassen. Die Leitlinie unserer literaturkritischen Fragestellung liegt in der Beobachtung einer Umformung: Die christlich allegorische Verbildlichung des Unsichtbaren wird von einer Metaphorik abgelöst, die neue Bereiche subjektiver Innenwelten und gesellschaftlicher Selbstsituierung erschließt.

 

 


 

Autorschaft und Autorität in den romanischen Literaturen des Mittelalters

Sektionsleitung: Susanne Friede (Göttingen), Michael Schwarze (Konstanz)

Kontaktsfriede(at)gwdg.demichael.schwarze(at)uni-konstanz.de

Im Zeitalter des „digitalen Autors“ scheint die von der strukturalistischen und poststrukturalistischen Theoriebildung vorgebrachte Forderung nach dem „Tod des Autors“ von einer gesellschaftlich weit verbreiteten Angst vor der unaufhaltsamen, unkontrollierbaren „Auflösung des Autors“ samt seiner Autorität über den eigenen Text retrospektiv überholt zu werden.

Dies mag einer der Gründe dafür sein, dass der Autorschaftsdebatte – initiiert durch deren Wiederaufnahme auf neugermanistischer Seite – in den vergangenen Jahren verstärkt erneut auch die Aufmerksamkeit der altgermanistischen und mediolatinistischen Forschung, der Editionsphilologie wie die der Rechtsgeschichte zuteil geworden ist.

Diesem sich neu eröffnenden Diskursrahmen will die Sektion von romanistischer Seite aus Rechnung tragen, indem sie ihrerseits fragt, unter welchen Voraussetzungen, in welchen Kontexten, mit welchen Verfahren und in welchen Funktionszusammenhängen sich „Autorschaft“ in den romanischen Literaturen des Mittelalters konstituiert.

Im Zentrum unserer Betrachtungen sollen dabei weniger der Status des „Autors“ an sich als vielmehr die für die Mittelalterforschung zentrale Frage nach Verfahren der Herstellung von Autorität stehen. Diese Fokussierung beruht auf der Annahme, dass die mittelalterliche Literatur grundsätzlich auf normative Konzepte referiert, deren exemplarischer Gültigkeitsnachweis den einzelnen Text wesentlich legitimiert. Autorität gewinnen die Texte dabei in der Regel durch Strategien autoritativer Absicherung – etwa durch den Bezug auf vorbildliche auctores, auf institutionelle Machtfaktoren sowie durch Strategien der Selbst-Authentifizierung.

Eine Herausforderung, aber auch genuin mediävistische Chancen bestehen in diesem Zusammenhang unter anderem darin, dass im Mittelalter fiktionale und faktionale, orale und schriftlich fixierte Texte nicht in getrennte Felder ausdifferenziert, sondern vielerlei Diskurszusammenhänge gerade von deren nur heuristisch aufzulösender Verschränkung geprägt sind. Behandelt werden sollen daher Fragen von Autorschaft und Autorität in unterschiedlichen Textsorten.

Mögliche Perspektiven, welche in dem skizzierten Sinne Einzelfallanalysen geeigneter Texte leiten können, sind zum Beispiel

  • unterschiedliche Verfahren der Konstitution von auktorialer Autorität (imitatio, Zitat von auctores, Verweis auf Schriftquellen, intertextuelle Referenz, Augenzeugenschaft u.a.m.)
  • (konkurrierende) Strategien der Inszenierung, Akklamation, Bekräftigung oder aber Ablehnung von Autorität
  • Autorschaft und Autorität im Spannungsfeld der Instanzen von auctor, commentator, compilator und scriptor
  • Hervorbringung, Vermittlung und Verstetigung von Wissen als autoritätsstiftende Aufgabe des auctor

 


 

Hochstapler und Spieler

Sektionsleitung: Lydia Bauer (Stuttgart), Kristin Reinke (Mainz-Germersheim)

Kontaktlydia.bauer(at)ilw.uni-stuttgart.de

Herausforderungen und Chancen sind derzeit in aller Munde, ob im Beruf, in Fernsehshows oder im Privatleben, es scheint geradezu eine Pflicht geworden zu sein, sich Herausforderungen zu stellen, Risiken einzugehen und Chancen zu nutzen – bis hin zur Krise, die als Chance wahrgenommen werden soll.

Wir möchten in unserer Sektion zwei Handlungen herausgreifen, für die der Umgang mit Chancen und Herausforderungen konstitutiv ist, deren Handlungsträger ihre Chancen zu nutzen wissen und dem Glück gegebenenfalls auch etwas nachhelfen: das Hochstapeln und das Spielen. Während der Spieler sich gewöhnlich als solcher zu erkennen gibt bzw. geben muss und – sofern er nicht falsch spielt – sich an die allgemein bekannten Regeln hält, spielt der Hochstapler mit versteckten Karten und verbirgt seine wahre Natur hinter seinen Inszenierungen und Masken. Die Literatur- und Kulturgeschichte bietet uns auf der einen Seite den rücksichtslosen Emporkömmling à la Rastignac, auf der anderen den pícaro, dem es mit List und Verstand gelingt, innerhalb der gesellschaftlichen Hierarchien aufzusteigen. Beide Figuren dienen als Spiegel einer Gesellschaft, die auf den Schein und das Spiel hereinfällt, wobei die Protagonisten sowohl Frauen als auch Männer sein können.

Hochstaplern und Spielern bleibt im Allgemeinen die gesellschaftliche Anerkennung versagt, dennoch wird unsere Gesellschaft immer mehr von ihnen geprägt. Man denke nur an die Plagiatsfälle seit der Guttenberg-Affäre oder die gesellschaftlich vollkommen akzeptierte Wertvorstellung des „Sich-Verkaufens“ für den beruflichen Erfolg, die auch dem Wissenschaftsbetrieb nicht fremd ist, wie auch an die bekannten und unbekannten Spielregeln, deren Befolgung den beruflichen und gesellschaftlichen Erfolg ermöglicht.

Als fachübergreifende Sektion von Linguisten und Philologen an der Schnittstelle zur Kultur- und Medienwissenschaft, Psychologie, Soziologie oder den Gender Studies möchten wir uns diesen Handlungen und ihren Handlungsträgern, den Figuren des Hochstaplers und des Spielers in den romanischen Literaturen und Medien sowie den gesellschaftlichen Diskursen widmen und Parallelen und Unterschiede in den Formen der Inszenierung suchen. Ein besonderer Schwerpunkt soll auf den verbalen, para- und nonverbalen Zeichen und ihrem Zusammenwirken liegen, durch die sich Spieler und Hochstapler verraten. Thematisiert werden sollen ebenfalls die ethisch-moralische Dimension des Hochstapelns und Spielens sowie ihre Abgrenzung von semantisch benachbarten Begriffen wie übertreiben, schwindeln, lügen, täuschen, sich irren, manipulieren, verstellen, verschleiern. Besonders willkommen sind Beiträge, die sich dem Thema aus intertextueller, motivgeschichtlicher, pragmatischer, diskurs- und konversationsanalytischer, prosodischer Perspektive widmen.